Integrierte Versorgung

Angebote der Integrierten Versorgung (IV) zielen auf eine patientenorientierte interdisziplinäre Versorgung quer durch die einzelnen Sektoren des Gesundheitssystems durch eine enge Kooperation unterschiedlicher Leistungserbringer (z.B. Haus- und Fachärzte, ärztliche und nichtärztliche Leistungserbringer, Krankenhäuser, Gesundheitszentren, Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen, Arztnetze).

Ausgangspunkte der IV sind im Wesentlichen zwei Faktoren: Zum einen erfordert der demographische Wandel der Gesellschaft neue Antworten auf ein verändertes Krankheitspanorama, das wesentlich von chronischen Erkrankungen, Multimorbidität und Pflegebedürftigkeit gekennzeichnet ist. Zum anderen erschwert die vergleichsweise strikte Abschottung der einzelnen Versorgungsbereiche, insbesondere die Trennung der ambulanten und stationären Versorgung, eine am Krankheitsbild zielorientierte Behandlung der Patienten.

Dabei kann IV grundsätzlich alle medizinischen Belange der eingeschriebenen Versicherten umfassen, aber auch einzelne Indikationen abdecken. Kernstück der IV ist dabei, dass diese neuen Anbieterstrukturen für ihre medizinischen Leistungen die ökonomische Verantwortung übernehmen, d.h. ihre Vergütung außerhalb der ökonomischen Befugnisse der KVen durch Verträge mit den gesetzlichen Krankenkassen erfolgt. Zum Schutz der Versicherten gilt, dass deren Teilnahme an der IV freiwillig ist. Erste Ansätze zur IV wurden in Strukturverträgen und Modellvorhaben im Rahmen von Arztnetzen entwickelt. Mit der GKV-Gesundheitsreform 2000 wurden mit den §§ 140 a–h SGB V erstmals gesetzliche Grundlagen für IV als neuen Bestandteil der Regelversorgung geschaffen.

Allerdings führten die Pflicht zum Abschluss einer Rahmenvereinbarung der Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen mit den Kassenärztlichen Bundesvereinigungen sowie komplizierte rechnerische Bereinigungen der Gesamtvergütung und Krankenhausbudgets zu einer nur stockenden Entwicklung der IV. Diese Regelungen wurden mit dem GKV-Modernisierungsgesetz entscheidend weiterentwickelt. Kernpunkte der seit dem 1. Januar 2004 geltenden Regelungen sind:

     * Die IV bedarf keiner vertraglichen Rahmenvereinbarung mehr zwischen Krankenkassen und KVen, die KVen sind auch nicht mehr als Vertragspartner vorgesehen.

     * Der Sicherstellungsauftrag der KVen wird eingeschränkt.

     * Zur Förderung der IV muss jede Krankenkasse zur Anschubfinanzierung bis zu einem Prozent der Gesamtvergütung sowie der Krankenhausvergütung in den Jahren 2004 bis 2006 für Angebote der IV einbehalten. Dieser Zeitraum wurde durch das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz bis zum 31. Dezember 2008 verlängert. Im Fall darüber hinausgehender Mittel ist die Gesamtvergütung entsprechend der Zahl und der Risikostruktur der teilnehmenden Versicherten zu bereinigen;

     * der Grundsatz der Beitragssatzstabilität gilt nicht für Verträge der IV, die bis zum 31. Dezember 2006 abgeschlossen wurden; dieser Zeitraum wurde durch das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz vom 22. Dezember auf den 31. Dezember 2008 verlängert;

     * Neben einzelnen Leistungserbringern und deren Gemeinschaften (z.B. Arztnetze), Krankenhäusern und medizinischen Versorgungszentren können auch Managementgesellschaften von Leistungserbringern Vertragspartner der Krankenkassen in Direktverträgen sein.


Die Neufassung der §§ 140 a–d SGB V wertet die IV gegenüber den etablierten Strukturen der Regelversorgung deutlich auf und bietet Leistungserbringern durch die verbesserten Vergütungsregelungen und Anschubfinanzierungen auch ökonomische Anreize, Direktverträge mit den Krankenkassen ohne Beteiligung der KVen zu schließen.

Bei der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung wurde aufgrund eines dreiseitigen Vertrages zwischen den Spitzenverbänden der Krankenkassen, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Deutschen Krankenhausgesellschaft eine Registrierungsstelle für abgeschlossene Verträge der Integrierten Versorgung eingerichtet. Zurzeit sind mehr als 3.000 Verträge dort registriert.

Das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG) baut die IV als Instrument zur besseren Verzahnung verschiedener Leistungsbereiche durch Einbezug des Leistungssystems der Pflegeversicherung aus. Es stellt heraus, dass IV-Verträge insbesondere auf eine bevölkerungsbezogene Flächendeckung der medizinischen Versorgung bezogen sein sollten, z.B. durch Versorgungsmodelle, die die Behandlung einer versorgungsrelevanten Volkskrankheit in einer größeren Region vernetzen. Krankenhäuser werden im Rahmen der IV weiter für die ambulante Versorgung geöffnet, indem sie mit Krankenkassen Verträge über die ambulante Leistungserbringung bei hoch spezialisierten Leistungen, bei Leistungen zur Behandlung seltener Erkrankungen und bei Erkrankungen mit besonderen Krankheitsverläufen abschließen können.

Das GKV-WSG schränkt für IV-Verträge, die seit dem 1. April 2007 abgeschlossen wurden, die Verwendung der Mittel zur Anschubfinanzierung grundsätzlich auf Leistungen der ambulanten und stationären Versorgung ein. Integrationsaufgaben wie z.B. die Koordinierung von Leistungen sind davon ausgenommen.

§§ 140 a–d SGB V, § 92 b SGB XI
Quelle: AOK-Bundesverband, Lexikon

Erstellt: 09.06.09 11:40:15
Letzte Änderung: 21.10.09 14:37:36 (andreas.werblow)